29. November 2023

Ortsverband Uelzen

„Immer schön den Hals waschen“ – Ortsverband Uelzen mit dem Lüneburger Henker unterwegs

„Immer schön den Hals waschen“ – Ortsverband Uelzen mit dem Lüneburger Henker unterwegs

Er hatte viele Namen: Vollstrecker, Scharfrichter, im Volksmund auch Meister Hans: der Henker.

„Immer schön den Hals waschen“ – Ortsverband Uelzen mit dem Lüneburger Henker unterwegs

Er hatte viele Namen: Vollstrecker, Scharfrichter, im Volksmund auch Meister Hans: der Henker. Im Mittelalter, als die Todesstrafe noch an der Tagesordnung war, ein wichtiger, wenn auch nicht gerade ehrbarer Mann. Auch Lüneburg, das durch seine Salzvorkommen im Mittelalter seine Blütezeit erlebte, hatte dieses Amt zu besetzen. Das Berufsbild des Henkers war vielfältig, folglich hat er einiges zu erzählen über das mittelalterliche Lüneburg. Da ist es doch naheliegend, dass der VNSB-Ortsverband Uelzen sein diesjähriges Wintervergnügen in die Nachbarstadt verlegt und sich die Stadt bei einer Führung mit dem Henker von Lüneburg näherbringen lässt?

Elf OV-Mitglieder treffen „ihren“ Henker am Lüneburger Rathaus. Leider ohne den eingeladenen VNSB-OV Lüneburg; die im Lande bekannte Personalmiesere ließ keine Abkömmlichkeiten zu. Um Punkt 16 Uhr kommt er also über den Marktplatz geschritten: eine stattliche Figur in brauner Kutte, der Großteil des Gesichtes von einer schwarzen Kapuze bedeckt. Nach einer freundlichen Begrüßung jedes einzelnen per Handschlag geht es auch schon los mit einer geballten Ladung Informationen. Denn hier im Rathaus am Marktplatz tagte früher das Gericht. Eine Gerichtsverhandlung lief damals aber noch ganz anders ab als heute. Rechtsgrundlage war der Sachsenspiegel, ein mittelalterliches Rechtsbuch, das mit unseren heutigen Gesetzen nicht zu vergleichen ist. Es herrschte eine gewisse Willkür. „Da durfte ich kreativ werden!“, erzählt der Henker begeistert. Eine wichtige Rolle bei den Gerichtsverhandlungen spielten die Fürsprecher, die das Gericht überzeugen mussten. Auf das Urteil folgte die Vollstreckung. Schnell kommt Meister Hans ins Schwärmen, wenn er von den alten Zeiten plaudert: „Leibeigenschaft, Sklaverei – eine tolle Sache!“. Die Kollegen/innen hingegen kommen ins Schwärmen bzw. aus dem Lachen nicht mehr heraus, als ausgerechnet am Ortsverbandsvorsitzenden Ralf Schlütemann des Henkers Axt, liebevoll ‚Franziska‘ genannt, demonstriert wird. „Der ist doch schon so kurz…“ Ha, ha!

Auf dem Marktplatz zeigt er den VNSB‘lern einen Stein mit einem Kreuz darauf. Hier befand sich der sieben Meter hohe Pranger (oder Kaak), an dem die Verurteilten häufig tagelang unbekleidet standen, bis das Urteil vollstreckt wurde. Sie galten als vogelfrei, Schlagen konnte sie, wer wollte; manchem wurde auch das Stadtwappen ins Gesicht gebrannt. „Ist das nicht wundervoll? Ist das nicht zauberhaft?“ Der Meister reibt sich die Hände. Ebenfalls am Marktplatz liegt das ehemalige Lüneburger Schloss, in dem seit 1925 das Landgericht untergebracht ist. Weiter geht es mit einem fröhlichen „Auf, auf und Rübe ab!“. Gleich um die Ecke befindet sich die Abteilung der JVA Uelzen, das Untersuchungsgefängnis.

Erst wenige hundert Meter sind zurückgelegt, als die Stadtmauer erreicht wird. Gelernt haben wir vom Ortsverband aber schon eine Menge: so wurden Nasenspitzen von Angeprangerten ab- und Zungen eingeschnitten – die Scheußlichkeiten aus der Zeit des 13. bis 16. Jahrhunderts kommen dem Henker locker von den Lippen: „So eine Maske macht frei“. Nun erklären sich auch die Herkunft und Bedeutung zahlreicher Begriffe und Redensarten. Das Schlitzohr, die gespaltene Zunge, unter die Haube kommen und an den Pranger gestellt werden, um nur einige Beispiele zu nennen.

Die Schilderungen der Praktiken im Mittelalter sind lebendig und detailliert und gewürzt mit einer gehörigen Portion Humor, mit der Meister Hans die düsteren Geschichten aus dem Mittelalter nahebringt. Freimütig plaudert er aus seinem Berufsleben. Denn mit der einen oder anderen Hinrichtung war er natürlich nicht ausgelastet. Hexenprüfungen und Folterungen standen ebenfalls auf dem Henkersplan; und wer musste wohl damals die Prostituierten im Rotlichtviertel bewachen? Auch das war Aufgabe des Scharfrichters – denn Männer, die ehrbare Berufe ausübten, wollten dort nicht gesehen werden. Auch einen schwunghaften Handel betrieb der Vollstrecker. Womit? Das erfährt der Uelzener VNSB vor der alten Raths-Apotheke und ist durchaus schockiert!

Wir vom VNSB erfahren auch, wo der Henker einst wohnte – genauer gesagt die Henkersdynastie, die mehr als 300 Jahre lang in Lüneburg dieses Amt ausübte. Denn der Sohn des Henkers hatte kaum eine andere Möglichkeit, als selbst Henker zu werden, und so vererbte sich der Beruf von einer Generation zur nächsten. Der Spruch „Früher Streckbank, heute TARGO-Bank“ ist Programm und war nicht schlecht. Und welche gängige Foltermethode fällt uns wohl ein, wenn wir an das Lüneburger Salz denken? Falls ihr es nicht wisst – Meister Hans hat die Antwort.

Die Augen des Scharfrichters leuchten, als die Teilnehmer zur Alten Schmiede kommen. Denn hier wurde sein Arbeitsgerät quasi „geboren“: seine ‚Franziska‘, seine Axt! Vor allem der Spruch „Immer schön den Hals waschen, der Henker kommt!“ erheitert immer wieder die VNSB-Truppe.

Die Uelzener VNSB-Kollegen/innen bedanken sich abschließend beim Henker von Lüneburg und erbitten noch ein Abschlussfoto bevor es über den Weihnachtsmarkt ins Lüneburger Brauhaus Krone zum zünftigen Henkersmenü- nein, lieber Wintermenü geht. Ich kann allen Kollegen/innen nur viel Spaß und gute Unterhaltung wünschen, wenn auch ihr euch eines Tages mal mit dem Henker auf den Weg durch die Straßen und Gassen Lüneburgs begebt.

Für den Ortsverband Uelzen

Ralf Schlütemann

-Vorsitzender-