Justizvollzugsanstalt Oldenburg 22. August 2009
Grußwort
zum Justizvollzugstag am 22. August 2009
in der Justizvollzugsanstalt Oldenburg
Gerd Koop, Leiter der Justizvollzugsanstalt OldenburgSehr geehrter Herr Ministerpräsident Wulf,
sehr geehrter Herr Albers,
werte Gäste
liebe Kolleginnen und Kollegen und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Nds. Justizvollzuges,
im Namen der Justizvollzugsanstalt Oldenburg begrüße ich Sie sehr herzlich zu dieser außergewöhnlichen Veranstaltung hier in unserer Sporthalle. Wir sind stolz, dass mit Ihrem Besuch, sehr geehrter Herr Wulf, zum ersten Mal ein amtierender Ministerpräsident unseres Landes in unserer Justizvollzugsanstalt zu Gast ist. Hafterfahren sind Sie allemal, denn Sie haben bereits mehrere Justivollzugseinrich-tungen besucht und sind stets mit einer guten Prognose und einem bleibenden und wertschätzenden Eindruck wieder entlassen worden.
Wir freuen uns, dass trotz des Wochenendes so viele Bedienstete und Gäste der Einladung des VNSB gefolgt sind. Unterstreicht diese Veranstaltung einmal mehr den Zusammenhalt des Niedersächsischen Justizvollzuges. Ich danke Herrn Albers und dem VNSB für das Engagement im Sinne der Sache. Ich danke aber auch den vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, natürlich besonders den Oldenburgern, für die Planung, Vorbereitung und Durchführung des heutigen Tages.
Sehr geehrte Damen und Herren,
mit Ihrer Teilnahme an der heutigen Veranstaltung lenken Sie die öffentliche Auf-merksamkeit auf den Strafvollzug. Diese können wir auch gut gebrauchen, denn im Alltag stehen wir leider meist nur dann im Fokus der Öffentlichkeit, wenn bei uns etwas passiert ist. Dabei sind außerordentliche Vorkommnisse, wie wir sie nennen, Gott sei Dank, die große Ausnahme. Und dennoch reicht manchmal ein kleiner Funke wie z.B. die Nichtrückkehr eines Gefangenen aus dem offenen Vollzug, der wegen Diebstahl eine Ersatzfreiheitsstrafe oder eine kurze Jugendstrafe zu ver-büßen hat aus, um Medien aufschrecken und der zu politischen Ausei-nandersetzungen führt. Unerheblich ist, wer gerade regiert. Das Fett kriegt jeder ab.
Dabei haben wir Nds. Justizvollzugseinrichtungen allen Grund, stolz zu sein und brauchen den Vergleich mit anderen Einrichtungen und Behörden nicht zu scheuen. Bundesweit sind wir in vielen Bereichen des Strafvollzuges Vor- und Spitzenreiter. Begünstigt wurde der Prozess durch die Entscheidung unseres Justizministeriums im Jahr 1995, die für uns bis dato zuständige Mittelbehörde aufzulösen und uns in der Folge deren meisten Zuständigkeiten und Aufgaben zu übertragen.
Uns hat die Entwicklung motiviert, neue Wege zu gehen. So haben wir Anstaltslei-tungen und viele andere Führungskräfte eine zweijährige berufsbegleitende Mana-gementausbildung absolviert, wurden in Betriebswirtschaft geschult und lernten die Methoden des Projektmanagements kennen. Wir sind sicher im Umgang mit Zielver-einbarungen und nutzen die Balance Scorecard als Steuerungsinstrument. Viele von uns haben sich zu wahren Bauprofis entwickelt. Wenn man heute durch unsere Anstalten geht, findet man dort einen Marktplatz an kreativen Ideen, Eigeniniative und Gestaltungslust und was noch viel wichtiger ist: Leidenschaft für den Beruf. Diese Leidenschaft durchzieht alle Dienste. Ich könnte von vielen Beispielen berichten, in denen Beamte und Angestellte aller Laufbahngruppen mit hohem Einsatz diese Leidenschaft und persönliches Engagement unter Beweis gestellt haben und dies täglich tun. Ohne die Kreativität und Phantasie, ohne die Entschlossenheit und ohne den Mut der Bediensteten des Strafvollzuges in Niedersachsen, hätten wir uns nicht so prächtig entwickelt.
Wir werden seit Jahren von vielen Kolleginnen und Kollegen aller Laufbahnen aus den anderen Bundesländern dafür beneidet. dass wir so umfängliche Komeptenzen und Zuständigkeiten übertragen bekommen haben. Neidfaktor Nr. 1 ist dabei stets die Sach- und Personalkostenbudgetierung. Die niedersächsischen Justizvollzugsanstalten gehörten zu den ersten Landesbehörden, die sich Mitte der 90iger Jahre um die Übernahme der wirtschaftlichen Eigenverantwortung bemühten, in der Folge die Kosten- und Leistungsrechnung und ein flächendeckendes strategisches Controlling einführten, das Projekt LoHN mutig und entschlossen angingen und heute die Anforderungen an das seit 2006 übertragene Globalbudget im partnerschaftlichen Umgang mit dem Justizministerium problemlos erfüllen. Wir verstehen uns dabei als eine weitgehend autonome Filiale eines gut gesteuerten Gesamtsystems.
Aber nicht nur der Umgang mit unseren wirtschaftlichen Ressourcen macht den Nds. Justizvollzug aus, sondern auch der Umgang mit den uns anvertrauten Inhaftierten und unser Menschenbild. Wir wissen um unsere hohe Verantwortung zum Schutz der Öffentlichkeit und zur Resozialisierung eines jeden Einzelnen.
Wenn, wie wir es in der JVA Oldenburg zu unserem Leitsatz erklärt haben, die Ge-fangenen „morgen wieder unsere Nachbarn sein sollen“, bedarf es eines konsequenten und liberalen Umgangs ihnen. Unser Ziel ist, jeden Einzelnen zu erreichen. Das ist nicht immer einfach und manchmal gelingt das auch nicht. Dennoch haben wir in der Behandlungsarbeit in der Vergangenheit viel erreicht, für uns ist das Glas schon halb voll. Aber wir können und wollen noch mehr.
Allerdings schaffen wir das nicht alleine. Wenn wir die Herausforderungen, die an uns gestellt werden, dauerhaft bewältigen wollen, müssen wir vor allem die Öffent-lichkeit, die Politik und die Medien davon überzeugen, dass die Arbeit am einzelnen Menschen immer auch etwas mit Risiken zu tun hat. Obwohl unser Einsatz hoch ist, können wir nicht alleine aus Inhaftierten Nachbarn machen. Dazu bedarf es der Unterstützung und Hilfe der Gesellschaft, die bereit sein muss, bestimmte Risiken mit zu tragen, denn ohne Risiken kann sich der Strafvollzug nicht entwickeln. Risikominimierung scheint zwar kurzfritistig und auf den ersten Blick gut für die Ge-sellschaft, weil sie damit ein Problem wegsperrt, doch langfristig rächt sich diese Strategie: Es gibt keine verbesserte Integration von straffälligen Menschen, es bleibt bei hohen Rückfallquoten und es werden zudem noch erhebliche Kosten produziert. Deswegen brauchen wir einen mutigen und gut ausgetatteten Strafvoll-zug.
Ich möchte mein Grußwort mit einigen Worten des Chefs der Innpolitik und renom-mierten Journalisten der Süddeutschen Zeitung, Dr. Heribert Prantl. beenden. Dr. Prantl war im März dieses Jahres vier Tage lang in der JVA Oldenburg. Er hat von unserem Justizminister Bernd Busemann gelernt, dass man, wenn man Verantwor-tung hat, wie Herr Busemann für uns oder häufig - meist kritisch - über den Strafvollzug schreibt, wie Dr. Prantl, dass es dann sinnvoll ist, hinter die Kulissen zu schauen. Nach seinem Eingesperrt sein in Oldenburg verfasste Heribert Prantl dazu im Süddeutsche Zeitung Magazin einen umfangreichen Bericht über seine Eindrücke. Hieraus möchte ich kurz zitieren:
„Wärter“, sagt man landläufig zum Gefängnispersonal. Das ist nicht nur beleidigend, das ist auch grundfalsch. Im Gefängnis arbeiten keine Wärter, sondern Leute mit souveräner Leidenschaft und hoher Frustrationsschwelle. Leute, für die ein Tag gut ist, weil der renitente Gefangene sich endlich ein „guten Morgen“ abgquetscht. (…)
Prantl schreibt weiter: „Das alles funktioniert auch deswegen, weile die Gefängnisse in Niedersachsen budgetiert sind und weitgehend eigenverantwortlich arbeiten kön-nen: Das beflügelt, das bringt einen neuen Geist in die Gefängnisse. Wenn Vollzugs-beamte gut sind, behandeln sie die Häftlinge als Staatsbürger hinter Gitter. Die al-lermeisten Gefangenen bleiben nicht ewig Gefangene. Morgen sind sie wieder unse-re Nachbarn. Diese Erkenntnis kann Gefängnisse verändern“.
Sehr geehrter Herr Ministerpräsident, sehr geehrte Damen und Herren, ich danke für Ihren Besuch, ich danke unseren Gästen für Ihr Interesse am Strafvollzug und an unserem Berufsbild. Ich wünsche uns einen erkenntnisreichen und schönen Tag und freue mich jetzt auf die Worte von Ministerpräsident Christian Wulf.